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Woche 7

Die aktuelle Woche steht ganz im Zeichen des Schwimmens. Die einen lieben es, die anderen hassen es. So richtig können, kann es niemand.

Christians siebte Trainingswoche: Von historischen Bädern, Schwimm-Hass und Seepferdchen

Donnerstag, 7.15 Uhr. Schließe mein Fahrrad an einen Laternenmast gegenüber vom Stadtbad Charlottenburg. „What the fuck?“, dachte ich vor rund zwei Monaten, als mich Andrea fragte, ob ich nicht Lust hätte, zusammen mit ihr beim Triathlon in Berlin zu starten, und dass sie wohl besser mal zum Arzt gehen sollte, um ihre geistige Gesundheit überprüfen zu lassen. „What the fuck?“, denke ich nun erneut, als ich die schwere Eingangstür des Schwimmbads öffne, und dass ich wohl besser mal zum Arzt gehen sollte, um meine geistige Gesundheit überprüfen zu lassen. (Das Gleiche dachte ich übrigens, als ich Andreas Frage mit „Klar, da bin ich dabei“ beantwortet hatte, aber das nur am Rande.)

Historisches Stadtbad Charlottenburg. So alt, wie sich Möchtegern-Triathlet Christian H. fühlt.

Gestern Abend war mir aufgefallen, dass es nur noch gut drei Monate bis zum Triathlon sind und ich in den bisherigen sieben Wochen der Vorbereitung genau null Meter geschwommen bin. Da musst du kein mathematisches Genie sein, um hochzurechnen, dass ich bei gleichbleibender Intensität des Schwimmtrainings bis zum 6. Juni immer noch genau null Meter geschwommen sein werde. Nun bin ich ein grundsätzlich positiv denkender – oder unfassbar naiver – Mensch, aber selbst mir scheint das nicht ideal zu sein, um die 400 Meter Schwimmstrecke in der Spree unfallfrei zu absolvieren.

Also beschloss ich mit großer Abscheu, dass es an der Zeit ist, endlich mit dem Schwimmtraining anzufangen. Meine Beziehung zu Schwimm- und insbesondere Hallenbädern ist nämlich, sagen wir, kompliziert. Das letzte Mal war ich vor fast zehn Jahren in einer öffentlichen Badeanstalt. Damals bin ich mit den Kindern vom 3er gesprungen, damit sie ihr silbernes Schwimmabzeichen bekommen. Seitdem bin ich nie wieder dort gewesen. (Ich glaube die Betreiber des Schwimmbads sind darum nicht böse, da mein Sprung vom 3er selbst bei wohlwollender Betrachtung als geschäftsschädigendes Verhalten betrachtet werden kann.)

Schwimmen und alles, was damit zusammengehängt, sind mir zutiefst zuwider.

  • Ich hasse Schwimmbäder, diese Brutstätten von Bakterien, Krankheitserregern und Fußpilzsporen.
  • Ich hasse die verkeimten Umkleidekabinen, in denen ich nichts anfassen möchte und mich schon der Gedanke, meine Klamotten an irgendeinen Haken zu hängen, mit Outbreak-Szenarien schaudern lässt.
  • Ich hasse die Duschen, wo ich dem Anblick unförmiger Männerkörper ausgesetzt bin oder mir durchtrainierten Modellathleten meine eigene Unförmigkeit vor Augen führen.
  • Ich hasse das Schwimmen selbst, diese unnatürliche Art der Fortbewegung, denn der Mensch hat sich doch nicht umsonst evolutionär der Kiemen und Schwimmhäute entledigt, um sein volles Potenzial an Land zu entfalten.
  • Ich hasse das Anziehen nach dem Schwimmen, weil ich mich immer nur flüchtig abtrockne, um die Verweildauer in der Umkleidekabine auf ein Minimum zu reduzieren, und deswegen in halbnassen Klamotten heimradeln muss.
  • Und ich hasse mich selbst, dass ich mir das alles antue!

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Meine Abneigung gegen Schwimmbäder und das Schwimmen liegt auch daran, dass ich kein sehr begnadeter Schwimmer bin. Also, verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich gar nicht schwimmen kann. Zumindest, wenn eine sehr weite Definition des Begriffes Schwimmen angelegt wird. Das ist immer der Moment, in dem meine Frau anmerkt, dass „Nicht innerhalb von 30 Sekunden Ertrinken“ nicht gleichbedeutend mit „Schwimmen“ ist. Eine unangemessen enge Definition des Begriffes Schwimmen, wie ich finde. (Es gibt allerdings recht schlüssige Argumentationen von Ornithologen, dass sich die Spezies der Lachmöwe entwickelt hat, nachdem sie mir beim Schwimmen im Meer zugesehen haben, aber auch das nur am Rande.)

Meine Schwimmfähigkeit ist aber urkundlich attestiert. Durch das Seepferdchen-Abzeichen! Gut, das habe ich möglicherweise weniger aufgrund meines schwimmerischen Könnens verliehen bekommen, sondern weil der Bademeister ein guter Bekannter meines Vaters war und wahrscheinlich eine nicht ganz unerhebliche finanzielle Zuwendung von ihm erhielt, aber dafür gibt es keine Beweise. („Follow the money!“). Und Abzeichen ist Abzeichen!

Seepferdchen. Gedemütigt durch das Schwimmabzeichen des Möchtegern-Triathleten Christian H.

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Nach der Umzieh- und Abduschzeremonie betrete ich den Schwimmbereich. Es handelt sich um die alte Halle des Stadtbads Charlottenburg, die bereits 1896 errichtet wurde und das älteste Hallenbad Berlins ist. An den Wänden oberhalb der Galerie befinden sich malerische Mosaikdarstellungen historischer Badeseeszenarien, auf denen unbekleidete junge Damen um halbbekleidete Jünglinge herumspringen. (Möglicherweise eine Sex-sells-Marketing-Maßnahme, durch die Ende des 19. Jahrhunderts die Gäste ins neu errichtete Schwimmbad gelockt werden sollten.)

Die Wandbilder verleihen dem Bad zweifellos, einen besonderen Charakter, aber wenn ich mir kunstvolle Bilder anschauen möchte, gehe ich lieber ins Museum. Da muss ich wenigstens keine Badehose tragen. (Außer es handelt sich um eine avantgardistische Performance-Art zur Dekonstruktion des tradierten bildungsbürgerlichen Kunstverständnisses.)

Das Schwimmbecken ist 25 Meter lang, wobei die letzten sechs bis sieben Meter mit einem roten Seil abgetrennt sind. Dort befindet sich der Nichtschwimmerbereich, wo das Becken so niedrig ist, dass du dir beim Schwimmen die Knie anschlägst.

Im Becken befinden sich bereits zehn bis zwölf andere Badewillige. Das Durchschnittsalter ist knapp dreistellig. (Einige von Ihnen waren wahrscheinlich schon bei der Eröffnung der historischen Halle geboren.) Anscheinend trifft sich die Moabiter Seniorensportgruppe „Die silbernen Forellen“ zum morgendlichen Wassertreten. Aber wer hat außer Rentnerinnen und Rentnern auch schon unter der Woche um halb acht Zeit, um ins Schwimmbad zu gehen? Arbeitslose vielleicht, aber die können sich den Eintritt nicht leisten. Und ich, ich habe ebenfalls Zeit. Leider!

Ich steige ins Wasser, das zu meiner Freude angenehm temperiert ist. Sicherlich ein Zugeständnis an die geriatrischen Stammgäste. In einer Art Slalom schwimme ich durch das Becken, immer darauf bedacht, meinen seniorigen Schwimmpartnern auszuweichen. Meine Bewegungsprofil sieht aus wie das eines Hasens, der hakenschlagend über ein Feld rennt. Allerdings im Tempo einer altersschwachen Schildkröte.

Während ich vor mich hinpaddle, überlege ich, ob es wohl gegen die Triathlon-Regularien verstößt, wenn mich Andrea auf der Schwimmstrecke Huckepack nimmt. Immerhin schaffe ich es aber, knapp 800 Meter am Stück ohne Unterbrechung zu schwimmen.

Weil ich nicht kraulen kann, sondern einen Schwimmstil pflege, der entfernt an Brustschwimmen erinnert, benötige ich dafür allerdings etwas mehr als eine halbe Stunde. Das reicht zwar nicht, um in die Fußstapfen von Mark Spitz, Franziska van Almsick oder Alfred Jodocus Kwak zu treten, aber ich bin zuversichtlich, zumindest im Juni nicht auf der Schwimmstrecke abzusaufen und von Andrea wiederbelebt werden zu müssen. (Niemand wird sich darüber mehr freuen als Andrea.)

Hauptsache, wir kommen an!

Christians Wochenbilanz:

  • Geschwommen: 800 Meter (Whoop-whoop!)
  • Geradelt: 17,73 km (Fünfeinhalb davon im strömenden Regen, so dass sie auch dem Schwimmen zugerechnet werden könnten.)
  • Gelaufen: 44,20 km (Aber nicht am Stück.)
  • Spotify-Neuzugang: Pack die Badehose ein von Cornelia Froboess

Andreas siebte Woche: Von Wasserpest, historischen Schwimmstaffeln und den ehrenwerten Nixkönnernspaßhaban

Sonntag, 08. September 2019. „What the fuck!“, denke, als ich mich an Land schleppe. 15 Minuten und 14 Sekunden hatte ich gebraucht, um mich und meinen in Neopren gepressten Fleischwurstkörper durch 500 Meter offenes Gewässer zu pflügen. Ich. War. Beim. Triathlon.

Genauer gesagt: einer Triathlon-Staffel. Dort hatte ich mich letztes Jahr mit Anke und dem Peerwicht (Sie erinnern sich? Meine Tierarztfreundin, die Fragen über Krankheiten grundsätzlich mit Sätzen wie „Also bei Schweinen/Rindern/Hühnern…“ beginnt) angemeldet.

Mit freundlicher Genehmigung von heidesee-triathlon.de. Und mit heidesee-triathlon.de meine ich natürlich Kabel. *winkewinke*

Wenn man sich bei einem Triathlon nämlich als Staffel anmeldet, teilt man sich den ganzen Scheiß. Eine*r schwimmt, eine*r radelt, eine*r läuft. Und natürlich habe ich sofort „Ich! Ich! Ich!“ gerufen, als es darum ging, wer bei unserer Staffel schwimmt. Und zwar nicht, weil ich Radfahren hasse und bereits beim Überqueren eines Parkplatzes Seitenstiche bekomme. Also nicht nur.

Nein, ich liebe, liebe, liiiiiiebe schwimmen!
Schon immer.

Fragen Sie meine Geschwister. Die mussten mich früher immer aus dem Wasser zerren.

„Mama hat gesagt du sollst rauskommen!“
„Onööö!“

„Aber du hast schon ganz blaue Lippen!“
„G-g-g-gar n-n-n-nicht!“

Zwar schwimme ich weder gut noch schnell. Aber seit ich denken kann, war für mich Schwimmengehen in punkto Freizeitgestaltung immer das Allergrößte!

Dieses Kind liebt den Geruch von Chlor und Freibadpommes.

Wobei es strenggenommen eher „im Wasser rumhängen“ heißen müsste. Richtig schwimmen kann ich erst seit ich zwölf bin. Das hielt mich jedoch nie davon ab, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Nichtschwimmerbecken zu springen.
Meine Eltern übrigens auch nicht, was mir jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, irgendwie zu denken gibt…

Egal.

Jedenfalls bin ich also an besagtem 8. Septembersonntag auf dem jährlich in meiner Hood stattfindenden Triathlon geschwommen. 500 Meter.
Und alle so: „Oarrr, ey! 500 Meter?! Das sind doch nur zwanzig Bahnen im Hallenbad.“ (Oder zehn in nem großen.)
Was ja auch stimmt. Und je nach Trainingsstand werden diese 500 Meter von manchen Leuten nicht in 15 Minuten und 14 Sekunden, sondern in 7 Minuten und nix weiter absolviert. (Aber die nennen ihren Trainingsblog dann auch nicht „Hauptsache, wir kommen an!“ sondern „Endlich Nichtlaucher!“ Also Klappe zu, Flanders!)

Zumal ich in meiner Schwimmstaffel durchaus mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen hatten:

1. Der See war am Wettkampftag randvoll mit Wasserpest. Einer Schlingpflanze, die stellenweise so dichte Teppiche im Wasser gebildet hatte, dass kurzfristig überlegt worden war, das Schwimmen an diesem Tag ausfallen zu lassen. (Und wenn Sie Harry Potter und der Feuerknilch gelesen haben, können Sie vielleicht den Horror nachvollziehen, den man verspürt, wenn man durch einen blickdichten See schwimmt, während unsichtbare Dingen an ihren nackten Füßen ziehen…)

Die Oldenburgische Volkszeitung berichtet: "Dreikampf unter erschwerten Bedingungen!www.triathlon-heidesee.de

Gepostet von Triathlon Heidesee am Dienstag, 10. September 2019

2. Alle Schwimmer trugen goldene (!) Badekappen, weshalb ich, die ohne Brille schwamm (also ohne meine echte Blindfischbrille) die kleinen gelben Streckenbojen nicht von den Köpfen meiner MitschwimmerInnen unterscheiden konnte.

3. Ich nach dem Startschuss, aus Angst vor Ellenbögen und Füßen im Gesicht, als Letzte ins Wasser gelaufen war. („Anfängerfehler“, sagt der Franz. „Immer mit dem Mittelfeld ins Wasser.“)

Wir haben die letzten Stunden genutzt, um den 8. OLB Triathlon Heidesee Revue passieren zu lassen. Einige Starter haben…

Gepostet von Triathlon Heidesee am Sonntag, 8. September 2019

Tatsächlich bezog sich das „What the fuck!“ aber auf keinen der oben genannten Punkte, sondern auf den Weg vom Ufer in die Wechselzone.

DAS hatte ich gnadenlos unterschätzt! Und vor allem nicht einmal geübt.
Im Vorfeld Outdoorschwimmen: check.
In kaltem Wasser tauchen und gleiten: check
Blasenkontrolle, nachdemein unterarmlanger Fisch über die Wade streift: sie hat sich stets bemüht.

Aber nach der ganzen Aufregung ans Ufer klettern und durch den Sand einen Berg hochlaufen?

NÄ!

Tja, das hatte ich also davon, dass ich mich vorher beim Überholvorgang von dreizehn Inklusionsschwimmern im Wasser verausgabt hatte. (Stimmt. Können Sie gerne hier nachzählen.)

Und so schleppte ich mich mit größtmöglicher (und reichlich kurzatmiger) Würde an dem Franz, unseren Kindern und ihrem „Team Nixkönnaspaßhaba“- Plakat vorbei Richtung Wechselzone. Auf den letzten Metern war ich tatsächlich so k.o., dass ich heimlich in meine beschlagene Schwimmbrille geweint hab. (Warum ich diesbezüglich so nah am Wasser gebaut bin, können Sie hier nachlesen.)

Als ich dann endlich Anke und ihr Rennrad abklatschte, lege ich mich auf den Rasen und KANN! NICHT! MEHR!

In diesem Augenblick fehlt mir wirklich JEDE Fantasie, wie irgendein Vollgasnarrischer es nach dem Schwimmen noch schafft, auf ein Fahrrad zu steigen. UND dann noch zu laufen. Die haben doch alle einen an der Waffel!

Eine Woche später schicke ich Christian eine WhatsApp…

Andreas Wochenbilanz:

  • Gewundert: Über meine Hausärztin. Die hat gesagt, ich darf immer noch keinen Sport machen. Scheiß Influenza!
  • Gealbert: Hihi. Harry Potter und der Feuerknilch.
  • Geherzt: Per WhatsApp die Nixkonnaspaßhabas. Der Spotify-Neuzugang für diese Woche ist für euch, Schwestern!
  • Spotify-Neuzugang: I’ll be there for you von The Rembrandts

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Veröffentlicht in Die Woche

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